NL#275 – Kinder. Corona.

Dr. Marcel du Moulin – der Hittfelder Kinderarzt wohnt in Jesteburg

Der Jesteburger Marcel du Moulin hat in diesem Jahr die Praxis für Kinder- und Jugendmedizin in Hittfeld übernommen. Vor dem Hintergrund der dort erfahrenen Erkenntnisse, Fälle und Nachfragen gibt er hier eine Einschätzung der Corona-Situation bei Kindern und Jugendlichen und die Handlungsempfehlung: wie sollen wir mit den aktuellen Umständen umgehen?

Die Sommerpause geht dem Ende zu. Die ersten Kindertagesstätten sind nach der Sommerschließzeit wieder geöffnet. Die Schulen folgen in dieser Woche. Und schon geht die Belastung für Familien wieder los. Da ist zum einen die Sorge vor Corona-Ausbrüchen in Kindergärten und Schulen. Zum anderen muss um die Kinderbetreuung hart gekämpft werden, da Kinder mit einem Anflug von banaler Erkältung sofort von der Betreuung ausgeschlossen werden oder erst wiederkommen dürfen, wenn völlige Gesundheit am besten ärztlich attestiert wurde.

Das Virus Sars-CoV-2 wird bleiben. Wir werden damit leben und umgehen müssen. Es wird nicht gelingen, jedes Restrisiko einer Covid-19-Infektion auszuschließen. Es wird nicht gelingen können, jede einzelne Infektion ausnahmslos zu vermeiden.

Es gibt aber inzwischen viele Erkenntnisse, klare Vorgaben und gute Handlungsempfehlungen, die dabei helfen, mit der Pandemie umzugehen, so zum Beispiel von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin oder dem Niedersächsischen Kultusministerium. Übertragungen können verhindert, Ausbrüche eingedämmt und Patienten differenziert ambulant und stationär behandelt werden. Allein in Deutschland gab es mittlerweile über 200.000 Corona-Fälle. Das sind auch über 200.000 Fälle, aus denen und an denen man viel über dieses neue Virus und die Krankheit, dies es verursacht, gelernt hat.

Dies gilt auch für Kinder und Jugendliche. Sie bekommen Covid-19 weniger häufig, erkranken weniger schwer und Kinder unter 14 Jahren übertragen Sars-CoV-2 anscheinend auch weniger gut. Während es in mehreren Schlachtbetrieben zu Ausbrüchen mit mehreren hundert Infizierten gekommen ist,  gab es keine Ausbrüche in den Notbetreuungen in den Kitas und Schulen während des Lockdowns. Auch international gesehen hat es in keinem Land, in dem Schulen und Kitas wieder geöffnet wurden, dadurch einen Anstieg der Infektionszahlen bei Kindern und Jugendlichen gegeben.

Für Kinder und Jugendliche ist der Besuch von Kita und Schule enorm wichtig. Es geht dabei um Bildung, Förderung, Teilhabe, Betreuung und Entwicklung der eigenen Persönlichkeit im Austausch mit Gleichaltrigen. Zugleich wird von einem großen Teil der arbeitenden Bevölkerung, nämlich den Eltern, verlangt, ihrem Beruf weiter und wieder nachzugehen. Dies kann nur funktionieren, wenn die Betreuung der Kinder gewährleistet ist. Hier sieht man, wie wichtig und zentral Kitas und Schulen für das Funktionieren unserer Gesellschaft sind. Und es unterstreicht den Auftrag, den diese Einrichtungen zu erfüllen haben.

Wie also soll man sich jetzt verhalten, wenn Kitas und Schulen wieder öffnen? Kurz: Bei akuten Infektionen so wie immer schon und bei den vorbeugenden Maßnahmen so, wie im Alltag. Mit einem Kind, das schwer krank ist und fiebert, sollte man zu einem Arzt gehen. Das Kind wird untersucht und gegebenenfalls eine weiterführende Diagnostik veranlasst. Ein Kind, dem es nach 2 bis 3 Tagen fieberhaftem Infekt wieder gut geht und das 24 oder 48 Stunden fieberfrei war, kann wieder in die Betreuung. Ein Kind, dem es gut geht und das nur einen leichten Schnupfen hat, kann in die Betreuung gegeben werden.

Ist ein Kind wieder gesund, braucht man weder eine „Gesundschreibung“ noch einen Abstrich, der beweist, dass man gerade keine Sars-CoV-2-Partikel im Nasen- und Rachenraum trägt.

Im Übrigen muss man festhalten, dass trotz elaborierter Hygiene-Pläne und Verhaltensmaßnahmen die Übertragung von Virus-Erkrankungen in Kitas nicht verhindert wird. Trotz all der Maßnahmen bekommen die Kinder zum Beispiel Atemwegsinfektionen durch Rhinoviren, einem Virus, das regelhaft verbreitet ist. Bei der Einführung von Maßnahmen sollte auch immer bedacht werden, welchen Nutzen sie bei welchem Nachteil haben. Vieles, was an Verhaltensregeln in Kitas etabliert wurde, war für die Kinder und Eltern sehr beeinträchtigend, ohne dass es einen Effekt auf die Ausbreitung von Virus-Erkrankungen hatte.

Im Umgang mit Covid-19 braucht es, wie bei so vielen anderen Krankheiten auch, eine differenzierte Betrachtung und ein differenziertes Vorgehen. Während Covid-19 bei Älteren und Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen sehr schwer verlaufen kann, gibt es milde Verläufe bei Jungen und Gesunden. In einem Seniorenheim muss man also anders vorgehen als in einer Kita. Und Ausbrüche können lokal kontrolliert werden. Kommt es in einem Schlachthof zu einem Ausbruch, werden all diejenigen in eine Quarantäne gebracht, die dort betroffen sind – und nicht gleich ein ganzer Landkreis. Kommt es zu einem Aufflackern von Sars-CoV-2-Infektionen muss – um in diesem Bild zu bleiben – das Feuer sofort ausgetreten werden, um einen größeren Brand zu verhindern. Aber wenn die Feuer klein bleiben, kann die Strategie des Austretens gut funktionieren. Auch hier gilt das, was vor der Pandemie schon galt: Wer krank ist, bleibt zu Hause und kuriert sich aus. Und: Wer hätte denn vor der Pandemie mit einem fiebernden 3-Jährigen die kranke Urgroßmutter im Seniorenheim besucht?

Familien haben in dieser Pandemie schon eine große Last getragen mit gleichzeitiger Kinderbetreuung und Home Office, mit Kurzarbeit und Unterricht zu Hause. Nun gilt es, Kindern und Jugendlichen und ihren Familien die Unterstützung zu geben, die sich brauchen, und die Last so gering wie möglich zu halten. Dazu bedarf es insbesondere der Betreuung und Förderung in Kita und Schule. Denn auch hier zeigen sich soziale Gerechtigkeit und Respekt im Umgang miteinander vor Ort.



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