NL#266 – Was muss man noch zu BOSSARD sagen.

Oder ist schon alles gesagt und geschrieben? Der Journalist und Historiker Dr. Martin Doerry hatte zuletzt ausführlich im Spiegel und auf NDR Kultur für eine relative Hochkonjunktur des Themas gesorgt und dabei zum einen die bisherige wissenschaftliche Aufarbeitung des Themas kritisiert („rosarote Brille“) und zum anderen seine Bewertung des Menschen Bossard als Sympathisant des Nationalsozialismus gestreut. Und so wurde das dann auch an anderen Stellen ohne weitere Reflektion rezipiert – auch in unserer regionalen Presse, im Wochenblatt.

Aber lassen Sie uns doch mal einen Moment auf das ursprüngliche Thema zurückkommen.

Die Bossard-Stiftung

Seit 25 Jahren wird nun der Nachlass des Künstlerehepaares Johann und Jutta Bossard von einer Stiftung verwaltet. Der heutige Zweck der Stiftung wird durch die Stiftungssatzung definiert. Die Finanzierung damit verbundener Aufgaben erfolgt im Wesentlichen aus dem Stiftungsvermögen.

Neben Erhalt und Verwaltung des heute noch in Gänze zugänglichen Gesamtkunstwerkes auf dem Hassel ist die damit einhergehende moralische Einordnung des Künstlers Bossard in die politischen Verhältnisse des ausklingenden 19ten und beginnenden 20ten Jahrhunderts eine besondere Verpflichtung. Immer gewesen. Die Beschäftigung mit einer Zeit, in der das völkische Gedankengut zunehmend die politische Agitation zu prägen beginnt und in perversester Weise unter der Nazi-Diktatur in Deutschland entlädt.

Eine Phase, in der die Weimarer Republik das Bürgertum der Monarchie abzulösen beginnt und parallel zum Bossard’schen Ansatz zeitgleich viele andere Künstler in die Lüneburger Heide ziehen, um jenseits der großen Städte neue Lebensformen auszuprobieren und dazu häufig spezielle Künstlerkolonien zu gründen.

Die kunsthistorische Aufarbeitung von Zusammenhängen, ob und in welcher Weise diese politische Gemengelage das Denken, Handeln und Wirken des Künstlers Johann Bossard beeinflusst oder gar bestimmt hat, war von Anfang an vorrangige Aufgabenstellung für die Stiftung.

Es gilt nach wie vor die erkennbaren Ambivalenzen zwischen dem Kunstschaffen einzelner Künstler und dem sie beeinflussenden Gedankengut ihrer Zeit wissenschaftlich korrekt aufzubereiten. Die gegenwärtig aus den unterschiedlichsten Gründen losgetretene Debatte gibt nur einen kleinen Eindruck von der tatsächlichen Dimension.

Der um den Künstler Bossard aktuell entbrannte Meinungsstreit über seine, sein künstlerisches Schaffen antreibende, zweifellos als antisemitisch bzw. völkisch einzustufende Grundhaltung (siehe dazu auch weiter unten) beruft sich auf Quellen, wie sie sich in diesem Umfang fast ausschließlich in der Kunststätte finden lassen.

Die aktuell entbrannte Debatte um die Meinungshoheit über das „wahre“ Erbe der Bossards basiert ausschließlich auf Erkenntnissen bisheriger Auswertungen des umfangreichen Fundus der Kunststätte selbst. Gerade weil die Stiftung mit dem Nachlass in den vergangenen 25 Jahren so verantwortungsvoll umgegangen ist, können diese anhand des umfangreichen Fundus überhaupt wissenschaftlich analysiert werden.

Bossard neu denken

Diese Erkenntnis ist der konzeptionelle Ansatz für „Bossard neu denken“ und damit Grundlage des angeschobenen Projekts; die sich daraus zu entwickelnde Gesamtkonzeption inklusive des mit ihrer Umsetzung einhergehenden räumlichen Bedarfs ist wesentlicher Bestandteil einer Bezuschussung mit Fördermitteln des Bundes und des Landkreises.

Um das an dieser Stelle auch noch mal ganz klar zu machen (weil genau an diesem Punkt die jetzt geführten Diskussionen zum Teil abwegig argumentieren):

es geht genau nicht darum, Johann Bossard als Person ein Denkmal zu setzen. Es gilt die Verflechtungen zwischen dem Schaffen von Künstlern der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts in Norddeutschland im Zeichen des jeweils politisch prägenden Zeitgeistes – dessen kunsthistorischer Nachweis zu den bildungspolitischen Grundaufträgen unserer Gesellschaft zählt – in entsprechend museal aufbereiteter Form der Nachwelt zu überliefern.

Die aktuelle Debatte

Die aktuelle Debatte ist v.a. durch den Spiegel-Bericht des Journalisten und Historikers Dr. Martin Doerry getrieben. Wie bereits weiter oben ausgeführt: das für eine Bewertung Bossards notwendige Material hat im Wesentlichen die Stiftung selbst zusammengetragen und analysiert. Wie also ist der Bericht von Martin Doerry entstanden?  – Vier Stunden hatte der Journalist sich in einem Gespräch vor Ort in der Kunststätte informiert. Im direkten Austausch mit der Leiterin der Bossard-Stiftung, Dr. Gudula Mayr, wurde ausführlich zur Publikation „Über dem Abgrund des Nichts – Die Bossards in der Zeit des Nationalsozialismus“ gesprochen. Diese wissenschaftliche Arbeit setzt sich entsprechend des Stiftungsauftrags – s.o. – notwendig kritisch mit Bossard auseinander, natürlich auch mit dem völkisch-reaktionären Hintergrund des Künstlers und seiner Haltung zum Nationalsozialismus.

Zur Person Johann Bossard

Dass Bossard mit Sicherheit Antisemit war, da gibt es zahllose belegende Zitate. Und er hat mit seinem völkisch-nationalen Denkmuster den Boden für den „Erfolg“ der reaktionären Kräfte in dieser Zeit mit bereitet, was ich – gerade als Sozialdemokrat – natürlich verurteile. Allerdings bestehe ich auch darauf, dass Menschen immer auch vor dem Hintergrund der Strömungen ihrer jeweiligen Epoche bewertet werden.

Wenn wir alle heute Antisemitismus aufs Schärfste verurteilen, so müssen wir doch zur Kenntnis nehmen, dass kulturhistorisch bedeutende Zeitgenossen wie Theodor Fontane, Richard Wagner, Martin Luther und viele andere, nach denen wir heute Schulen und Universitäten benennen eben Vertreter dieser Geisteshaltung waren. Und Bossard eben auch.

Die Haltung der Künstler im Dritten Reich ist kritisch zu sehen (und so setzen wir uns in der Bossard-Stiftung seit Jahren damit auseinander!), wenn sie mit den damals Mächtigen kooperiert haben, sich gar um die Gunst bemüht (Nolde!) und ihre Ergebenheit adressiert (Barlach) haben. Aber es muss klar sein, wer hier Mitläufer und wer Täter gewesen ist. Die Beurteilung ist entsprechend differenziert – und wissenschaftlich begründet – vorzunehmen!

Was mir wichtig ist

Ich war hier jetzt etwas ausführlicher, um zu zeigen, was mir ist wichtig ist: dass die Arbeit der Stiftung in den letzten Jahren richtig eingeordnet wird und es deutlich wird, dass wir uns genau mit den jetzt nur sehr ausschnittsweise diskutierten Punkten bereits über einen langen Zeitraum intensiv auseinandersetzen. Und dass wir keine Verharmlosung zu moralischen und politischen Einstellungen der Person Bossards betreiben, sondern immer eine klare Sicht auf diese Problematik gehabt und uns immer damit beschäftigt haben.

In einem ausführlichen TV-Interview mit dem NDR-Kulturjournal habe ich meine Position als Bürgermeister von Jesteburg (der seit 20 Jahren auch Mitglied im Stiftungsrat der Kunststätte ist) bekräftigt – die Sendung wird am Montag, 4. Mai um 22:45 Uhr im NDR-Fernsehen ausgestrahlt.


Zu den Bildern: Publikation „Über dem Abgrund das Nichts“ der Bossard Stiftung; Blick in den Edda-Saal (hier findet sich auch das Swastika-Ornament = Hakenkreuz)

 


11 Kommentare on “NL#266 – Was muss man noch zu BOSSARD sagen.”

  1. Helmut Meyer sagt:

    Lieber Udo,
    Deine Sicht der Dinge ist in meinen Augen realistisch und für mich nachvollziehbar.

  2. Angela und Rainer Löding sagt:

    Lieber Udo, wir stimmen Dir voll zu. Warum werden, wie Du schon ausgeführt hast, nicht auch andere „hochgehandelte“ Künstler, wie z.B. Nolde und Barlach angegriffen und verunglimpft wie Bossard. Ist vielleicht der höhere Marktwert dieser Herren für die Meinung der Kritiker entscheidend? Die ewige „Nölerei“ über die in Jesteburg ausgestellte Kunst schwappt jetzt leider von den bisher heftig kritisierten (und leider nicht gut besuchten) Ausstellungen im Kunsthaus auf die Kunststätte Bossard über. Wir hoffen sehr, dass in Zukunft nicht nur die „Hausfrauenkunst“ dominiert und gute Kritiken bekommt. Das Wochenblatt lässt grüßen.

  3. W.Müsse sagt:

    Wie werden in diesem Zusammenhang die abgehängten Nolde Bilder im Kanzleramt gesehen?

  4. Leander Herrenkrug sagt:

    Im Nolde Museum wird das Thema NS-Vergangenheit offen und konsequent verhandelt. Etwas ähnliches wäre bei Bossard wünschenswert findet aber nicht statt.
    Der viel zitierte Katalog, welcher die Arbeit und das Wirken Bossards einordnen soll trägt den Titel „“ÜBER DEM ABGRUND DES NICHTS“ DIE BOSSARDS IN DER ZEIT DES NATIONALSOZIALISMUS“. Im Katalog selbst ist zu lesen, dass dies ein Zitat Bossards war, mit dem er die Zeit der Weimarer Republik beschrieb.
    Warum dann ein solcher, irreführender Titel, wenn hier kein „whitewashing“ betrieben werden soll? Warum keine Ausstellungen von jüdischen Künstlern, die während der NS Zeit verfolgt wurden in der Kunststätte Bossard? Warum nicht regelmäßig das Thema „entartete Kunst“ verhandeln, wenn es der Stiftung doch so wichtig ist? Und warum nirgends ein Kommentar zum Hakenkreuz im Boden, an einem Ort, an dem Kindergeburtstage stattfinden?
    Derlei Dinge haben nichts mit Geld, sondern mit Haltung zu tun.

  5. Warum ist es keinem der Beteiligten möglich, sich klar von nazionalsozialistischem Gedankengut zu distanzieren? Es wird hier nur Schadensbegrenzung betireben. Eine ordentliche wissenschaftliche Aufarbeitung wird nicht im eigenen Hause von Angestellten verfasst. Es gibt genug Profs für Kunstgeschichte, deren Fachgebiet in der von den Nazis diffamierten „entarteten Kunst“ liegt. Mit wie vielen von denen haben Sie sich denn unterhalten Herr Heitmann?

  6. Sven Kahlbohm sagt:

    Ich stimme Herrn Fehlmann zu. Wieviele Gesprächspartner waren es? Es darf nicht sein, dass vom Staat Steuergelder in diese, von einem Antisemit geschaffene, Anlage investiert werden.

  7. Hans-Rudolf Grabbe sagt:

    Der aufgeregte Diskurs über das Wochenblatt hatte auch mich verunsichert. Lieber Herr Heitmann, Ihren Beitrag empfinde ich als wohltuend.
    Wenn es zu einer Kunsthalle Nordheide kommt, muss es doch möglich sein, der Kunst und Person Bossard andere Kunst und Künstler nebenan zu stellen.

  8. Wilfried Gerhard sagt:

    Anmerkungen zum Thema: „wissenschaftliche Aufarbeitung“ des Werkes von Bossard
    1. Auch die 100ste wissenschaftliche Aufarbeitung des Werkes von Bossard wird zu dem Ergebnis führen: er war ein völkischer Antisemit. Weitere intellektuelle Investitionen sind da wirklich nicht erforderlich.
    Im übrigen: Für diese Aufarbeitung braucht man auch keinen 11-Millionen Museumsbau in der Nordheide.
    2. Was aber noch viel relevanter ist: das Bossardsche Werk ist – anders als es bei Luther, Fontane,Nolde etc.etc.der Fall ist – gänzlich oder zumindest weitgehend als Ausdruck eines völkisch-national- antisemitischen Geistes zu betrachten. Bossard geht sozusagen in seiner Zeit auf – er weist an keiner Stelle kunstästhetisch über sie hinaus. Das macht ihn im besten Fall zu einem unspektakulär- typischen Repräsentanten seiner Zeit und ihres Geistes. Lokalpatriotismus sollte nicht versuchen, ihn zu überhöhen.

    P.S. Die im Artikel gemeinte aufarbeitende „ Reflektion“ schreibt sich
    ein für allemal so: „Reflexion“

    Wilfried Gerhard

  9. Elke Ruhle sagt:

    Was genau versteht das Ehepaar Löding unter “Hausfrauenkunst“?

  10. Lieber Herr Heitmann, Ihre Gedanken heben sich wohltuend von vielen Äußerungen aus der Kunststätte und ihrem Umkreis ab. Aber es bleiben doch viele Fragen offen. Wie erklären Sie sich, dass Ihre Aussage, Bossard sei sicher Antisemit gewesen, von der Leiterin der Kunststätte bis heute relativiert wird – das könne man angesichts der Quellenlage nicht sagen, ess ei nicht zu beurteilen usw.? Frau Mayr hat mir gegenüber ausdrücklich betont, Bossard sei sicher kein Rassist gewesen. Sie betonen, es sei immer vorrangige Aufgabe der Kunststätte gewesen, Zusammenhänge zwischen der politischen Gemengelage und dem Denken von Johann Bossard aufzuklären. Warum taucht dann im Konzept für den Neubau der Kunsthalle aus dem Bossard-Gelände diese Aufgabe mit keinem Wort auf – und wurde auch bei der Information in der Jesteburger Schützenhalle sträflich vernachlässigt? Ich fürchte, Ihre aufrechte Haltung ist mit der Realität im Alltag und den Planungen der Kunststätte vielfach nicht in Deckung zu bringen.

  11. In meinem soeben verfassten Kommentar hat sich ein Fehler eingeschlichen – die Informationsveranstaltung zur Bossard-Planung hat in der Oberschule stattgefunden, nicht in der Schützenhalle…


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