NL#265 – Die Perspektive des Gewerbes (2)

Lebensentwürfe am Limit? – Wie ist die Aussicht und die Einschätzung der lokalen Gewerbetreibenden? Vorgestern gab es einen Einblick in die Seelenlage der Gastronomen vor Ort; heute wenden wir uns den Einzelhändlern zu.

Hauke Gilbert von der Jesteburger Drogerie / Gilbert Studios freut sich, dass sein Laden immer offen gewesen ist, einer der wenigen am Ort. Aber damit ist beileibe nicht alles Gold. „90% der Aufträge für Photographie sind abgesagt, dazu gehören alle Schulfotos, Hochzeiten, Großveranstaltungen“. Und der Laden ist zwar offen, aber die Kosmetikkabinen sind nicht nutzbar, zwei festangestellte Kosmetikerin können im Moment nicht beschäftigt werden „wir arbeiten auf 50 cm Nähe zu unseren Kund*innen – die im Moment notwendige Distanz kann bei solchen Aufträgen nicht eingehalten werden!“. Also hat auch Hauke Gilbert Bundesmittel beantragt. Ist das hinreichend unbürokratisch? „ja und nein; einen vernünftigen Steuerberater braucht man schon an seiner Seite“. Der Antrag über die NBank ist gelaufen, bisher gab es keine Reaktion, aber von anderen wurde schon berichtet, dass sie die Mittel erhalten hätten. Die Unterstützung ist für Gilbert dringend notwendig. 10 Menschen sind in seiner Firma angestellt, Löhne sind zu bezahlen, auch, wenn der Umsatz nur sehr eingeschränkt läuft. Für die Zukunft wünscht sich auch Hauke Gilbert, dass die Menschen in Jesteburg möglichst viel in der Gemeinde konsumieren und „den Läden eine Chance geben“.

In einer ähnlichen Situation sind Sabine Seebeck und Silke von Kroge von Berg&Tal am Sandbarg. Auch sie haben die Notwendigkeit der Subventionierung durch Landes- und Bundesmittel angemeldet. Sabine Seebeck ist überrascht, wie relativ unbürokratisch die Beantragung abläuft, „das war binnen einer Woche sehr schnell erledigt“. Und der Laden – derzeit geschlossen – braucht diese Unterstützung, um zu überleben. Es gibt einige treue Kundinnen, die per email bestellen und dafür sind die Inhaberinnen von Berg&Tal sehr dankbar; aber im Effekt ist das ist  nur ein ‚Tropfen auf den heißen Stein‘. Was in diesem Fall super ist: der Vermieter ist entgegenkommend bei den Zahlungen für den nächsten Monat – aber man hat ja auch ein langjährig gutes Verhältnis und davon profitiert man jetzt!

Die große Frage ist jetzt, wie die Konsument*innen reagieren, wenn ab kommender Woche die Läden wieder öffnen dürfen. Einige haben wahrscheinlich selbst finanzielle Einbußen – „da ist kein Platz für mal was Nettes zwischendurch – das kann auch hier im Speckgürtel Hamburgs so vorkommen“. Und vielleicht haben die letzten Wochen auch den Trend zum Online-Shopping noch weiter verstärkt. Gut findet Sabine Seebeck, dass wir in Jesteburg so einen rührigen Bürger- und Gewerbeverein haben. „Die Liste zu den Geschäften vor Ort ist prima!“ – Alles, was die Aufmerksamkeit der Jesteburger*innen auf den lokalen Handel zieht, hilft!

Für den Fernsehservice SP:Minke ist die Lage noch nicht so dramatisch. Das tägliche Ladengeschäft ist zwar weg gebrochen; aber „Service“ hat schon immer den Großteil des Umsatzes ausgemacht. „Die Auftragsbücher sind voll, jetzt haben wir endlich Zeit, den Rückstand aufzuarbeiten“, sagt Eddy Minke. Es fehlt natürlich der Verkauf der Ware im Laden, aber der Unternehmer musste aktuell noch keine öffentlichen Mittel zur Unterstützung beantragen. Kritisch wird es seiner Meinung nach für sein Geschäft, wenn die großen Elektronikmärkte wieder aufmachen. „Diese machen dann vermeintliche Sonderangebote mit „Streichpreisen“, da sie unwahrscheinlichen Lagerdruck haben und Leute in die Märkte holen wollen“. Die Kartonverkäufer stehen schon bereit. Geld kann eben nur einmal ausgegeben werden und so muss sich jeder Kunde die Fragenstellen: „Wo kaufe ich lieber? Was ist mir wichtiger? Guter Service vor Ort oder vermeintlich günstige Preise im Markt?. Die Kunden der Firma Minke sind im Schnitt Ü50 und möchten neueste Technik, die aber auch einfach zu bedienen ist. Außerdem spielt die Langlebigkeit eine große Rolle. Diese Premiumgeräte gibt es halt nur im Fachhandel“. Außerdem gibt es natürlich zunehmend die Konkurrenz durch den preisaggressiven, aber servicearmen, Online-Handel. Der Wettbewerb war schon immer da, hat sich aber durch die aktuelle Situation verschärft, weil die Leute durch die Ladenschließungen jetzt den eCommerce für sich entdeckt und sich daran gewöhnt haben. Eddy Minke, seit 35 Jahren Unternehmer vor Ort und auch aktiv im Bürger-und Gewerbeverein, wünscht sich, dass die Jesteburger*innen besonders auch nach der Krise den lokalen Handel unterstützen. „Es werden Arbeitsplätze vor Ort erhalten, die Gewerbe-und Einkommenssteuer bleibt im Ort, es werden Mieten gezahlt und wir haben einen belebten und lebenswerten Ort und keinen Leerstand der Läden mit zugeklebtem Fenstern. Erstrebenswert wäre es, Rahmenbedingungen zu schaffen, um neuen Geschäften den Start in Jesteburg zu erleichtern–„alle Bürger*innen sind dazu aufgerufen, sich diesbezüglich Gedanken zu machen, denn es geht immerhin um unser schönes Jesteburg.“, so der Unternehmer.

Eine schöne Erkenntnis aus den Gesprächen: die Chocolaterie nussMÄTHchen von Mario Mäth darf offen bleiben – denn seine Produkte,  Schokolade und Pralinen, zählen zum täglichen Bedarf. Aus Eigenschutz hat Mäth für sich und seine Kunden es jedoch vorgezogen, sein Ladengeschäft aus den derzeit gegebenen Gründen nicht zu öffnen. Stattdessen bietet er einen kostenfreien Lieferservice seiner Produkte für die Region an. Seine Kunden hat der Unternehmer mit Informationen an der Ladentür, in Form von selbst verteilter Wurfsendung oder per eMail versorgt. Die Nachfrage war bisher für den Anfang – (auch aufgrund von Ostern) ganz gut, kann aber nicht ansatzweise die nicht stattfindenden Ladenumsätze kompensieren. Der Chocolatier arrangiert sich mit dem Status Quo. Sorge, dass er durch diese „schwierige“ bzw. andere neue Zeit kommt, macht er sich nicht. Als Handwerker muss er sich ohnehin immer etwas neues einfallen lassen. Denn „Handwerksunternehmen wie meins“, so Mario Mäth, „sind doch immer langfristig aufgestellt und haben von vornherein die Intention durchzuhalten und weiterzumachen“.

Und wie sieht die Situation der Gewerbetreibenden aus einer etwas abstrakteren Perspektive aus? – Frank Krause, Regionaldirektor bei der Volksbank in Buchholz, sieht vor allem den notwendigen Beratungsbedarf für die Gewerbetreibenden: „die Situation gehört ja nicht zum üblichen Tagwerk des Unternehmers, da empfiehlt es sich schon, den kompetenten Steuerberater zu haben, die Förderanträge und insbesondere die Anträge für Kurzarbeitergeld sind keine Selbstgänger“. Das Paket, das Bund und Land aufgestellt haben findet Frank Krause „wirklich gut“ – Seit dem Beginn der Krise sind er und seine Kolleg*innen in einem intensiven Austausch mit allen Gewerbekunden; das Thema treibt alle um, Selbständige, Unternehmen, Privatkunden – soweit sie zum Bsp. von Kurzarbeit betroffen sind. Die Berater der Bank haben aktiv nach Möglichkeiten der Unterstützung gesucht: „Wir fragen uns stets: Wie können wir unsere Kunden in dieser Situation unterstützen?“

Unterm Strich: die Situation der Unternehmer differiert natürlich – die Rahmenbedingungen tun es im Einzelfall ja auch. Die Hilfe durch öffentliche Mittel scheint gut und schnell anzukommen. Und sie hilft über die erste Not hinweg. Klar ist aber auch: die wirklichen Herausforderungen kommen wahrscheinlich erst noch. Und zur Überwindung hilft auf jeden Fall die kontinuierliche Unterstützung durch die Menschen, die hier leben. ‚support your local dealer‘ als zusammenfassendes Motto für die Konsumorientierung vor Ort, für die Dienstleister und Läden, die in Jesteburg (und Deutschland) mit ihrer Gewerbesteuer und ihrem Engagement helfen. Insofern soll dieser Newsletter ausdrücklich als Werbung für unsere Jesteburger, Bendestorfer, Harmstorfer Unternehmen – auch die hier nicht genannten – verstanden werden.

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Bei allen Themen rund um Corona finden Gewerbetreibende und natürlich auch alle anderen Bürger*innen ein offenes Ohr bei unseren Ratsmitgliedern. Rufen und/oder schreiben Sie uns gerne an! Hier sind die  Kontaktdaten.


2 Kommentare on “NL#265 – Die Perspektive des Gewerbes (2)”

  1. Heide Koehne sagt:

    Sehr guter Beitrag! Gibt Hoffnung für die Zukunft!

  2. Rainer Adler sagt:

    Erst einmal finde ich die regelmäßigen Berichte über die lokale Wirtschaft richtig und wichtig.

    Jedoch sind die wirtschaftlichen Herausforderungen der lokalen Unternehmen oftmals auf die starren und traditionellen Geschäftsmodelle und nicht etwa auf die Kunden zurückzuführen. Das Kundenverherhalten ändert sich, und da gilt der Grundsatz: „wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit“. Von daher weniger Klagen sondern kreativ werden, z.B. Friseur und Cafe kombinieren, die Kunden überbrücken die Wartezeit. Davon gibt es noch viele Möglichkeiten mehr ..


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