NL#211 – Kunst in Jesteburg

Schick, so ein Kunstpfad! Wenn er funktioniert. Das, was wir vorhaben scheint aber nicht zu laufen. Warum? – Also: abgesehen von den Opponenten, die eben einfach gegen Kunst per se sind, Zitat: „nicht mit meinen Steuergeldern“, und die irgendwie lauter sind als die, die mit „meinen“ Steuergeldern keine Schützen oder kein Schwimmbad oder keine Kitas (sollte man nicht glauben,  gibt’s aber auch) wollen, wird das Projekt auch inhaltlich hinterfragt.

Also: wie halten wir es denn mit der Kunst? Und was läuft tatsächlich schief? Hier mal ein Versuch, die ganze Geschichte zu erzählen. Und da fangen wir vielleicht bei einem eher überraschenden Thema an: der Regionalen Raumordnungsplanung, die Jesteburg als ein Grundzentrum mit dem Schwerpunkt ‚Erholung‘ definiert. Wir konzentrieren uns also vorgegebenermaßen auf Tourismus. Und das bedeutet: wir machen unseren Ort attraktiv, damit die Touristen auch kommen, und da wir hier keine Marienerscheinungen oder ähnlich Magnetisches haben schaffen wir Attraktion, das war die Idee, und über die Attraktion kommen wir zu wirtschaftsfördernden Effekten – Gästen in unserer Gastronomie zum Beispiel, und am besten hängen wir uns mit den Aktivitäten an Bossard und profitieren gegebenenfalls von den vielen Besuchern, die dorthin kommen – und dann zu einem guten Teil auch noch Jesteburg besuchen. Soweit die Theorie.

Das passt auch alles zu den Überlegungen  zu unseren Planungen ‚Jesteburg 2020‘, die mit viel Bürgerbeteiligung den Schwerpunkt ‚Kunst‘ bestätigt hatten. Seit 2011 wird das Konzept verfolgt.

Und? Gut gelaufen? – Nö!

Da haben wir keine unterschiedlichen Meinungen. Die Umsetzung des Projekts wirkt mangelhaft. Woran liegt’s? – an der künstlerischen Leitung? An der Verwaltung? An der Politik? Das können wir alles aufarbeiten (*). Es bleibt aber – und das ist wichtiger als mit dem Finger in der Gegend herumzuzeigen „wer hat wo einen Fehler gemacht?“ – die Frage: Wollen wir zeitgenössische Kunst im Ort? Wollen wir uns auch mit teilweise provozierenden Projektthemen auseinandersetzen, die wir – so wie ich – manchmal auch inhaltlich nicht verstehen?

Sagen wir „rausgeschmissene Steuergelder“ zu den Ausgaben für die Straßenmalerei, aber sind wir vglw. leise und verständnisvoll bei den unnütz in die Luft geblasenen Heizkosten im Schwimmbad in gleicher Größenordnung? (**)?

Wo agiert wird und da wo Neuland betreten wird, da werden die Ergebnisse nicht immer so sein, wie wir das erwarten. Aber ist genau das schon Grund genug, die große Munition auszupacken?

Wir alle sind Gesellschaft. Und da gibt es welche, die wollen ein Freibad, andere wollen ein gut ausgestattetes Schützenhaus oder einen breit aufgestellten Sportverein oder Subventionen für Konzerte. Und es gibt Mitbürger, die wünschen sich, dass bei uns auch zeitgenössische Kunst stattfindet. Wir sollten uns gegenseitig unseren Freiraum lassen, solange wir das finanzieren können.

Was wir ausdrücklich kritisieren ist die Kampagne einzelner Gemeinderäte in Zusammenarbeit mit der Presse, die dazu führt, dass – unstrittig existierende – Mängel an der Umsetzung des Projekts in grenzüberschreitenden Postings in den sozialen Medien, vor allem gegen die Kuratorin persönlich münden. Aufgestachelt durch absolut gesetzte persönliche Meinungen.

Wir haben – und das ist jetzt ein unglückliches Zusammentreffen – Finanznot durch die Steuerrückzahlung, die überraschend ansteht. Im Ergebnis werden wir uns in allen freiwilligen Leistungen erheblich einschränken müssen. Das wird auch den Kunstpfad betreffen, dessen Umsetzung in der letzten VA-Sitzung aufgeschoben wurde. Ein Moratorium, dass wir jetzt gern mitgehen und das wir als Chance begreifen, das Projekt ‚ Jesteburger Kunstpfad‘ in Kürze neu aufzusetzen und dann dorthin zu entwickeln, wo wir das Thema haben wollen: zum Erfolg.

Wir gehen davon aus, dass das Projekt jetzt auf die Tagesordnung des nächsten Fachausschusses kommt und der Fortgang dort intensiv diskutiert wird.

… … …

(*) – als Anmerkung: die künstlerische Leitung des Kunstpfads, Isa Maschewski,  war von der Politik entsprechend der Beschlüsse im Zuge der Jesteburg-2020-Diskussion beauftragt worden a) sich um die Ausgestaltung, quasi Möblierung, des Kunstpfads zu kümmern und b) zusätzliche Mittel einzuwerben. Das Einwerben der Mittel ist aufwendig und hat das Projekt zeitlich mehr gestreckt, als vorgesehen. Ausdrücklich nicht der Job von Isa Maschweski war die Organisation der administrativen Aufgaben, Genehmigungsverfahren, juristischen und statischen Prüfungen; alle Folgeprobleme, die sich aus diesen Punkten ergeben sind ausdrücklich nicht der künstlerischen Leitung anzulasten.

(**) – Grund für die ~18.000 € Mehrkosten für die Heizung war eine ausgefallene Solar-Zuheizanlage (‚Heizschlange‘) – der Ausfall wurde leider erst mit großer Verzögerung bemerkt und dann behoben.

Das Bild zeigt ein Objekt des Kunstpfads Savoie-Haut-Montblanc in Frankreich (http://www.savoie-mont-blanc.com).

 


2 Kommentare on “NL#211 – Kunst in Jesteburg”

  1. Frank Schmidt sagt:

    Danke für die sachgemäße Analyse! Frank Schmidt/ Musikunterricht Farbenland

  2. Gernod Deckelmann sagt:

    Lieber Steffen,

    Du hast sicherlich recht, wenn Du auf „unnütz in die Luft geblasenen Heizkosten im Schwimmbad“ hinweist. „Leise und verständnisvoll für die rausgeschmissenen Steuergelder“ haben sich allerdings die mit diesem Thema vertrauten „Privatpersonen“ in keinster Weise gezeigt. Das Gegenteil ist zutreffend. In der Sitzung des zuständigen Fachauschusses wurde von Vertretern des Fördervereins die Ursachen für diese Versäumnisse und die damit verbundenen Mehrausgaben gegenüber den Ausschussmitgliedern aufgezeigt und das Unverständnis über das Verhalten der Zuständigen eindeutig und unmissverständlich artikuliert.

    Wenn diese Hinweise nicht aufgegriffen werden, ist das mehr als verwunderlich. Dass die entstandenen, aufgezeigten und angemahnten Versäumnisse nun sogar als Rechtfertigung beziehungsweise als Relativierung für an anderen Stellen misslungene Planungen, Organisationsdefizite und Mängel in der Umsetzung benutzt werden sollen, entzieht sich meinem Verständnis und ist für mich in keinster Weise nachvollziehbar.

    Viele Grüße
    Gernod Deckelmann