NL#92 – das Fest der Kulturen berauscht, die Politik ernüchtert

thumbEindrucksvoll gefeiert haben die Jesteburger, Alteingesessene und Neubürger aus den Flüchtlingsunterkünften am Sonntagnachmittag. Stimmung war im Heimathaus, in das das suboptimale Wetter uns alle zusammengetrieben hatte.

Und das war nicht von Nachteil – so kam es schon sehr unmittelbar zu Kontakt und Gespräch zwischen allen Beteiligten. Die Darbietungen waren hervorragend. Die Landfrauen tanzten und integrierten dann ganz praktisch Kolleginnen aus Nordafrika und Asien, das Zusehen war eine Freude! Die Märchenerzähler machten Ihren Job ebenfalls ausgezeichnet – ganz ruhig und gespannt war das Auditorium. Und die Spannung konnte sich dann prima entladen bei der rhythmischen Musik der afrikanischen Truppe, die die Stimmung dann auf höchste Werte steigerte. Großartig. Das kommt vielleicht auch bei den anliegenden Bildern und hier im Video ein Stück weit rüber.

Dann kam die zweite Halbzeit – der absolut sehenswerte Film ‚Willkommen auf Deutsch‘ zur gelebten Willkommenskultur im Landkreis Harburg am Beispiel der Gemeinden Appel und Tespe, also hier um’s Eck (der Film kommt übrigens am Dienstagabend in der ARD – 21. Juli 2015 22:45 Uhr). Die Podiumsdiskussion anschließend mit, so Moderator Hans-Jürgen Börner, „dem wahren Held des Films“ Reiner Kaminski, Chef der Sozialbehörde im Kreishaus, Landrat Rempe, Samtgemeindebürgermeister Höper, Kirchen-Chef Jäger, dem Regisseur des Films Carsten Rau und der engagierten Flüchtlingsbetreuerin – und selbst vor vielen Jahren als Flüchtling hier angekommenen Mariam Wehbi. Konkret liegt die Frage auf dem Tisch: was passiert mit unserer beispielhaften Willkommenskultur, wenn sich die Rahmenbedingungen verschärfen; wenn der Landkreis wegen der Differenz zwischen Aufwand und Erstattung durch Land und Bund sein Defizit verdoppelt, die Kreisumlage für die Kommunen dann spürbar erhöht werden muss und als Konsequenz in den Gemeinden dann freiwillige Leistungen entfallen? Dass uns jeder unterzubringende Flüchtling im Landkreis so ungefähr das Doppelte des vom Land zur Verfügung gestellten Betrags (6.200 € pro Jahr) kostet liegt natürlich auch an den hier vergleichsweise hohen Unterbringungskosten. Der Landkreis muss monatlich mehr als 400 € ausgeben, wo das Land 84 € vorsieht – das mag in anderen Ecken Niedersachsens natürlich passender sein – eine Anpassung im Sinne einer Ent-Pauschalisierung ist notwendig. Das ist die wirtschaftliche Seite – dann gibt es noch die menschliche: dringend muss das Ausländerrecht so reformiert werden, dass wir die im Regelfall arbeitswilligen und wissbegierigen neuen Mitbürger schneller in Arbeit bringen – Reiner Kaminski weist darauf hin: die aktuell abzusitzende Wartezeit hatte bei ihrer Einführung einen ganz anderen Grund, der so längst nicht mehr besteht. Als wir dann noch erfahren, dass in der Bearbeitung Niedersachsens derzeit 250.000 Anträge im Rückstau sind wird klar, dass die Bürokratie und nicht mangelnder Wille das Hauptproblem bei diesem Thema ist. Ernüchternd ist es zu sehen, dass alle Themen auf dem Tisch liegen, Lösungsansätze bekannt sind, sich aber Bund und Land zu Lasten der Kreise und Kommunen den schwarzen Peter gegenseitig zuschieben.

Die wichtigste Antwort des Tages bekommt Moderator Kalle Glaeser von Mariam Wehbi auf die Frage, was denn Jesteburger noch ‚integrativ‘ tun können: „helfen, die zu Teil schwer traumatisierten Flüchtlinge zum Lächeln zu bringen“.

Dank an die Organisatoren des Nachmittags Hans-Jürgen Börner, Karl-Heinz Gläser, Bernd Jost, Peter Otte und Mariam Wehbi!

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