NL#57 – Neue Bahntrasse Richtung Süden (worum geht es?)

kindermann_grubeDer Jesteburger Stefan Kindermann (auf dem Foto rechts mit Bahnchef Grube) führt den Fahrgastbeirat des Landkreises (http://www.fahrgastbeirat.org/) und hat deswegen als besonders sachkundiger Teilnehmer an einem Treffen des SPD-Unterbezirks teilgenommen; hier sein ausführlicher Bericht dazu:

In einem ersten Treffen zu den aktuellen Planungen der Deutschen Bahn AG, an dem je ein Mitglied aus jeder Samtgemeinde sowie natürlich die UB-Vorsitzenden und unsere Bundestagsabgeordnete Svenja Stadler teilnahmen, ging es zunächst darum, ob und welche Alternativen es zum Neubau einer Bahnstrecke Richtung Süden (Hannover) gibt. Unter Berücksichtigung der umweltpolitischen Ziele der SPD sowie unter Beachtung der volkswirtschaftlichen Auswirkungen wurde schnell klar, dass es hierzu keine wirklichen Alternativen gibt.

Doch warum geht es?  Bereits seit Jahrzehnten gibt es Planungen für eine zusätzliche Bahntrasse zwischen Hamburg/ Bremen und Hannover. Die Planungen sahen damals eine Hochgeschwindigkeitsstrecke für den schnellen Fernverkehr vor, der Güterverkehr der Bahn verlor zu dieser Zeit Tonnage und Marktanteile, dem schnellen ICE Verkehr galt die Zukunft, der Güterverkehr hatte sich diesem unterzuordnen. Doch analog zur typischen deutschen Verkehrspolitik, blieb es bei Absichtserklärungen, gebaut wurde nicht bzw. nur Autobahnen. Umso mehr drängen die Probleme heute, die jahrzehntelangen Versäumnisse rächen sich nun, zudem haben sich die Rahmenbedingungen verändert: Während der IC/ICE Verkehr Jahr für Jahr steigende Fahrgastzahlen verzeichnen konnte scheint das Wachstum nun in diesem Segment, eingeklemmt zwischen steuerbegünstigten Billigfliegern und infrastruktursubventionierten Fernbussen, die Deutsche Autobahnen zur Flatrate kaputt fahren dürfen, derzeit begrenzt und wird vor allem nicht durch 10 Minuten mehr oder weniger zwischen Hamburg und Frankfurt oder München entschieden. Stattdessen konnte der Schienengüterverkehr, trotz weiterhin bestehender erheblicher Wettbewerbsnachteile zum LKW, seit Öffnung des Bahnnetzes für Dritte und Überführung der Deutschen Bundesbahn eine privatwirtschaftliche AG Marktanteile zurück gewinnen, zudem stiegen die Transportentfernungen auf der Schiene deutlich an, so dass noch nie so viele Tonnenkilometer im Schienengüterverkehr erbracht wurden wie heutzutage. Zusätzlich spielt Hamburg mit einem der größten europäischen Häfen hier eine besondere Rolle. Diese Entwicklung sowie befürchtete erhebliche Baukostensteigerungen der ursprünglich geplanten Strecke, der sog. Y-Trasse, haben die Bahn AG unter Führung von Dr. Rüdiger Grube zudem veranlasst, zu prüfen,  ob es besser geeignete Alternativen zur alten Planung gibt.

Die schlechten Erfahrungen mit Stuttgart 21 (hohe Kosten, wenig Nutzen für die Bahn und erheblicher Widerstand in der Bevölkerung) haben sicher ebenso dazu beigetragen wie die im europaweiten Vergleich beschämenden pro Kopf und Jahr Ausgaben für das Deutsche Schienennetz, die eine möglichst effiziente Mittelverwendung geradezu erzwingen. Zudem soll die neue Trasse nun vor allem den Bedürfnissen des Güterverkehrs dienen. Dies heißt nun nicht zwingend, dass die alte Planung komplett aus dem Rennen ist, zumal auch die Anzahl der betroffenen Wohneinheiten bei den Planungen Berücksichtigung finden wird. Klar ist aber, dass wir zur Anbindung des Hamburger Hafens eine leistungsfähige Bahnverbindung brauchen,  zumal unsere europäischen Nachbarn bereits in den letzten Jahren ihren Bahnstrecken massiv ausgebaut haben oder demnächst ausbauen werden (Gotthard Basistunnel, Brenner Basistunnel, Fehmarnbelt-Querung, niederländische Betuwe-Linie) und von daher auch hier mit einem weiteren Anstieg des Schienengüterverkehrs zu rechnen ist, der den Druck auf die bereits heute völlig überlastete Strecke Hamburg – Hannover weiter erhöhen wird. Wenn weiterhin nichts passiert, werden die Containerzüge aus unseren Nachbarländern in ein paar Jahren an den Deutschen Grenzen nicht weiter kommen. Eine wahrhaft positive Aussicht für ein Transit- und Logistikland wie Deutschland.

Schon heute können die zahlreichen Pendler nach Hamburg ein Lied von den teilweise überfüllten Zügen und ständigen Verzögerungen im Betriebsablauf singen, die Ihre Ursache nicht selten in der Überlastung des Bahnnetzes im Raum Hamburg sowie zwischen Hamburg und Hannover haben. Der Druck auf den Regionalverkehr würde durch einen nicht erfolgenden Ausbau weiter zunehmen, da DB Netz im Konfliktfalle entscheiden müsse, ob eine Trasse an den Regionalverkehr vergeben wird oder an den Güterverkehr. Im Zweifel wäre die Entscheidung klar, der Gewinner hierbei wird in den meisten Fällen nicht Regionalverkehr heißen. Anstatt der dringend erforderlich zusätzlichen Regionalzüge müsste gar mit einer Ausdünnung des Angebotes gerechnet werden.

Die Mitglieder der Arbeitsgruppe waren sich weitgehend einig, dass ein Nein zu einem Aus- oder Neubau der Bahnstrecke Hamburg – Hannover den Verkehr zudem nicht verhindern würde sondern ihn nur auf den volkswirtschaflich teureren Strassenverkehr verlagern würde. Sollte am Ende des Planungsprozesses eine Abkehr von der ursprünglich geplanten sog. Y-Trasse stehen,  wird dies für unseren Landkreis evt. eine zusätzliche Trasse mit entsprechenden Auswirkungen auf die Umwelt bedeuten, mehr Verkehr gegenüber den alten Planungen wird es nicht bedeuten, da dieser ansonsten über die Route Maschen – Buchholz – Tostedt und weiter Richtung Lauenbrück gelaufen wäre. Angesichts des unseren Landkreis fast überall durchschneidenden Strassennetzes, dessen weiterer Ausbau in Form von Umgehungsstrassen ebenfalls geplant ist, werden wir dieses Zugeständnis für einen möglichst umweltfreundlichen und zukunftsfähigen Güterverkehr machen müssen.  Es gilt nun, den Planungsprozess kritisch zu begleiten und den Betroffenen bestmögliche Unterstützung zu geben und aufzuklären sowie das höchstmögliche Maß an Lärm- und Umweltschutz zu erhalten. Sobald weitere Informationen zu den Planungen vorliegen werden, wird sich die Arbeitsgruppe des Unterbezirkes zeitnah damit befassen.



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